Abrahams Wurstkessel 

Ein guter Freund meiner älteren Schwester kam neulich zu meiner Lesung im Café Museum in Wien. Und plötzlich sagte der mittlerweile Fünfundsiebzigjährige etwas, das ich seit Jahrzehnten nicht mehr gehört hatte: „Damals warst du noch in Abrahams Wurstkessel.“

Ich musste lachen und gleichzeitig nachdenken. „Abrahams Wurstkessel“ ist ja eine längst vergessene Redewendung, die verwendet wird, um auf Ereignisse weit vor der Geburt des Angesprochenen zu verweisen.

Und plötzlich erinnerte ich mich daran, wie ich mir immer einen riesengroßen Kessel vorgestellt hatte, der über dem Feuer hing und in dem Würste kochten.

Es brodelt nämlich. Nicht nur im Kessel, sondern auch zwischen den Zeilen. Wenn ich die Texte meiner Generation lese, wir, die wir noch mit Füllfederhalter und Durchschlag begonnen haben, dann spüre ich oft diesen langen Atem, der sich durch die Seiten zieht. Die Sätze lassen sich Zeit, sie entfalten sich langsam, und die Gedanken dürfen Umwege machen, bevor sie ankommen. Erinnerungen legen sich Schicht für Schicht frei, manchmal vorsichtig, manchmal fast widerwillig.

Und dann die Jüngeren, die mit einer ganz anderen Selbstverständlichkeit schreiben. Schneller, direkter, oft radikal gegenwärtig und ohne großes Zögern. Mit einer Lust am Fragment, am Bruch, an der Lücke, die gar nicht gefüllt werden will. Manchmal bin ich fast ein wenig neidisch auf diese Freiheit, die so selbstverständlich daherkommt.

Im Wurstkessel meiner jüngsten Lektüren landet beides, nebeneinander und durcheinander: Texte vom Bleiben, vom Ausharren, vom langsamen Verstehen. Und andere vom Gehen, vom Sich-neu-Erfinden, vom Versuch, in einer immer schneller werdenden Welt eine eigene Stimme zu finden.

Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied, der sich durch all diese Texte zieht. Nicht das Alter allein, sondern das Verhältnis zur Zeit, das sich darin spiegelt. Die einen vertrauen ihr, lassen sie wirken und arbeiten mit ihr. Die anderen misstrauen ihr, stemmen sich dagegen und versuchen, ihr zuvorzukommen, indem sie sich ihr entgegenstellen.

In der Anthologie „Wannst net fort muaßt, so bleib?“, die ich im März 2026 herausgegeben habe, wird das besonders spürbar. Autorinnen zwischen zwanzig und achtzig schreiben zum selben Thema, und doch klingt jede Stimme unverwechselbar anders. Die jüngeren Texte wirken oft frecher und unmittelbarer, manchmal auch riskanter. Die älteren sind stärker reflektiert, von viel Lebenserfahrung getragen, auf die immer wieder verwiesen wird, gelegentlich leiser, aber nicht weniger präzise.

Vielleicht ist es genau das, was Herta Müller einmal so treffend formuliert hat: „Die Sprache wird knapper, aber sie trägt mehr.“ Und zugleich auch, was Ernst Jandl beschreibt, wenn er sagt: „Im Alter hört man genauer hin, auch auf die eigenen Wörter.“ Man spürt dieses genauere Hinhören, dieses Abwägen, dieses Weglassen. Und schließlich auch Ilse Aichinger, die sagt: „Je älter ich werde, desto weniger will ich erklären.“ Als würde sich das Schreiben selbst zurücknehmen, um mehr Raum zu lassen.

„Die Sprache wird knapper, aber sie trägt mehr.“
Herta MüllerHerta Müller

Ich merke, wie ich mich zunehmend auch von alten Sprichwörtern nähre, als würde ich in der Vorratskammer meiner Großmutter kramen. Wörter tauchen wieder auf, die ich längst vergessen glaubte, die irgendwo in einer unteren Schublade meines Kopfes gelegen haben und nun plötzlich wieder da sind. Gschamster Diener, Jessas Maria, Kramuri, das Glück ist ein Vogerl, allein schon ihr Klang hat etwas Eigenes. Kleine Gustostückerl, die zu leben beginnen, sobald man sie ausspricht.

Sie tragen Stimmen in sich, Tonfälle und Haltungen, die man fast schon verloren glaubte. Ein leichtes Sichverbeugen schwingt mit, ein halb ernst gemeintes Erschrecken, ein Rest von Theater und von einer Welt, die noch nicht so glattgebügelt war wie heute. Es sind Wörter mit Patina, die nicht geschniegelt daherkommen, sondern ein wenig knarzen, wenn man sie benutzt, und gerade dadurch ihren Reiz entfalten.

„Im Alter hört man genauer hin, auch auf die eigenen Wörter.“
Ernst JandlErnst Jandl

Und ich frage mich, ob das ein Zeichen ist. Nicht nur des Älterwerdens, das sich leise bemerkbar macht, sondern vielleicht auch des Sammelns und Sortierens. Als würde man im Laufe der Jahre beginnen, sich bewusster aus dem eigenen Fundus zu bedienen, nicht mehr nur nach vorn zu greifen, sondern auch zurück und nach innen. Zu dem, was einmal war und sich eingeprägt hat, ohne dass man es damals wirklich bemerkt hätte.

Diese alten Ausdrücke haben etwas Tröstliches, das sich nicht sofort erklärt. Sie sind nicht perfekt, nicht geschniegelt und schon gar nicht optimiert. Sie dürfen übertreiben, sie dürfen schmunzeln, und sie dürfen auch ein bisschen zu viel sein, ohne sich dafür zu entschuldigen. Vielleicht mag ich sie gerade deshalb so gern, weil sie Raum lassen und nicht alles ausdeuten wollen.

Und manchmal, wenn ich sie verwende, habe ich das Gefühl, nicht ganz allein zu sprechen. Als würden sich andere Stimmen dazugesellen, die meiner Großtanten vielleicht, weiser Nachbarinnen oder längst verschwundener Bekannte, die alle ihre eigenen Wörter mitgebracht haben. Es ist ein leises Mitreden über die Zeiten hinweg, ein Chor aus Vergangenem, der sich unaufdringlich in die Gegenwart mischt.

Und ich selbst stehe mittendrin und staune darüber, wie unterschiedlich Sprache klingen kann und wie erstaunlich ähnlich die Fragen bleiben, die sich dahinter verbergen.

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2 Kommentare zu „Abrahams Wurstkessel “

  1. Liebe Christa,

    du hast einen wunderschönen Text geschrieben.Die Assoziation ,die ich gerade hatte, weil ich sie in einem Vortrag über das Trösten erwähnte: „geborgen, wie in Abrahams Schoss.“
    Ich lebe immer noch in liminal space, drum noch keine Kontaktaufnahme, aber ich geniesse Deinen Newsletter und die Empfehlungen. Danke.Ursula

  2. Liebe Christa,

    Die Assoziation ,die ich gerade hatte, weil ich sie in einem Vortrag über das Trösten erwähnte: „geborgen, wie in Abrahams Schoss.“
    Ich lebe immer noch in liminal space, drum noch keine Kontaktaufnahme, aber ich geniesse Deinen Newsletter und die Empfehlungen. Danke.Ursula

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