Ich hatte Margit eingeladen, ihre Gedanken zum Thema „Abenteuer Ruhestand“ zu teilen, da sie am 1. Oktober 2023 diesen Lebensabschnitt begonnen hat.
Ich fragte sie, was Ruhestand für sie bedeutet, und sie antwortete spontan, dass es ein Abschied von ihrer beruflichen Tätigkeit sei, zumindest in der Form, wie sie das Arbeiten in einem Vollzeitdienstverhältnis erlebt hatte. „Mir wurde klar, dass der Begriff ‚Ruhestand‘ von großer Bedeutung ist, da er etwas anderes ausdrückt als ‚Ich bin in Rente/Pension gegangen‘. Der Begriff ‚Ruhestand‘ vermittelt für mich die Idee des ‚Innehaltens‘.“
Nach einer aktiven Abschiedswoche erlitt sie am dritten Tag ihrer offiziellen Pension einen Bänderriss, der unerwartet Gutes bewirkte. Plötzlich musste Margit ihren Fuß ruhig halten, was sie „in ein anderes Tempo brachte‘. Margit nützte die Zeit zum Lesen.
Weiter erzählt sie: „‚Und was möchten Sie nun tun?‘ war die häufigste Frage, die mir in den vergangenen Monaten gestellt wurde, in der Erwartung, dass ich jetzt endlich die Zeit habe, das zu tun, wofür ich zuvor keine Zeit hatte. Ich betrachte diese Phase als einen ‚Fächerzustand‘: So viele Möglichkeiten liegen vor mir, und ich nehme mir nun die Zeit herauszufinden, welches davon mein Herzensthema ist. Viele meiner Bekannten gingen davon aus, dass ich ein Buch schreiben würde; sogar die Abschiedsgeschenke waren darauf ausgerichtet, wie zum Beispiel ein schöner Kugelschreiber und ein hübsches Notizbuch. Jetzt brauche ich Zeit, um draufzukommen, was ich wirklich will. Das Spannende ist, dass ich vor einem Jahr ziemlich konkrete Pläne hatte, aber jetzt, da ich tatsächlich aus dem Arbeitsleben ausgeschieden bin, hat sich alles verändert. Die Vorstellung, endlich das zu tun, was ich zuvor nicht konnte, war eine Art Falle. Tatsächlich interessiere ich mich viel mehr für das, was JETZT ist.
Die meisten Menschen in meinem Umfeld dachten, ich würde drei Monate lang die Küste Italiens erkunden – das waren Träume aus jener Zeit, als ich noch nicht beruflich an einen Ort gebunden war. Aber jetzt brauche ich das nicht mehr. Ich werde zum zweiten Mal Großmutter und möchte nicht lange weg, sondern bei der Entwicklung meiner Enkel dabei sein.
Die ‚alten Träume‘ waren halb konkrete Fantasien der vergangenen Monate, die mir geholfen haben, die aktive Arbeitszeit abzuschließen. Doch jetzt ist alles anders.
Auch weil ich professionelle Unterstützung von einem Coach in Anspruch genommen habe, hat sich mein Blick auf die Dinge verändert. Mein Coach hat mir geholfen, neue Aspekte an mir zu entdecken, die ich zuvor belächelt hatte.
Zu Beginn tat ich, was ich wollte. An einem Tag entschied ich mich, für alle zu kochen, einfach weil ich Zeit und Lust hatte – meine Familie ging scherzhaft davon aus, dass dies nun zur Regel werden würde. Doch für mich war es lediglich ein Sich-Hingeben an den Moment. Trotzdem sehne ich mich nach einer gewissen Struktur. Für Frauen kann dieser Übergang heikel sein, das Anpassen an den Partner – ein ‚anderes System‘ birgt Risiken. Ich glaube, es geht vor allem um disziplinierte Konzentration. Auch ich brauche Zeit für mich. Ich höre von anderen Pensionierten, dass sie nicht ständig reisen und fort sein wollen; sie streben aber keinen dauerhaften Rückzug an, sondern möchten einen geregelten Alltag haben. Das ist auch mir wichtig. Ich war früher so selten zu Hause und genieße es nun sehr, meinen Tag in meinen eigenen vier Wänden zu gestalten.“
„Hast du Vorbilder?“, fragte ich Margit. Sie antwortete: „Wenn ich Pensionisten in meinem Umfeld beobachtete, überwog oft der Gedanke ‚So nicht‘. Mein intellektuelles Vorbild ist Marion Gräfin Dönhoff; sie verkörpert die Resilienz des ‚Immer wieder Aufstehens‘. Ich erinnere mich an ein Interview mit ihrem Neffen, der erzählte, sie habe stets ohne Küche gelebt – abgesehen von einem Teekocher. Sie wollte keine Zeit in der Küche verbringen und ernährte sich außer Haus. Sie kaufte sich eine klassische Grundausstattung: ein Tweed-Kostüm, das sie über Jahre trug, verstärkte die Ellbogen mit Leder und schaffte es damit sogar in die ‚Vogue‘ – mit einem 25 Jahre alten Kostüm! Wenn sie mit dem Neffen ins Kino ging, sagte sie nach 20 Minuten: ‚Ich habe die Struktur des Films erfasst, jetzt können wir gehen.‘
Ein weiteres Vorbild für mich ist Iris Apfel – sie ist authentisch und lebt ihre Individualität. Ich habe sogar ein Kinderbuch über sie gekauft. Ihre Fähigkeit, sich selbst treu zu bleiben und einen unverwechselbaren persönlichen Stil zu pflegen, der sowohl Kühnheit als auch spielerische Experimentierfreude ausstrahlt, fasziniert mich. Ihr zu Ehren habe ich mir ein knallrosa Kleid gekauft – allerdings noch nicht getragen.
In vielen Frauen finde ich mich nicht wieder; unter meinen Arbeitskollegen an der Kepler Universität war ich eine Rarität mit drei Kindern. Ich schätze es, Frau zu sein, aber ebenso, meine Rollen als Großmutter und Mutter jetzt bewusst wahrzunehmen. Ich bin eine facettenreiche Persönlichkeit und strebe danach, all diese Rollen auszufüllen – allerdings nicht jede zu hundert Prozent.“
Margit strahlt für mich eine intellektuelle Vorfreude aus auf das, was kommt. Sie ist offen, aber zeitdiszipliniert. Mit den Worten von Iris Apfel möchte ich hier schließen: „Man muss sich selbst kennenlernen. Ich denke, das ist der Spaß am Leben – herauszufinden, wer man ist.“
Danke für das Gespräch, Margit!
Danke, liebe Christa für diesen erhellenden Newsletter in dunklen Zeiten…
Herzlich grüsst Dich durch den Nebelschleier Ursula