Vor einigen Monaten war ich in meinem Lieblingskleidergeschäft in Wien, in der Rotenturmstraße. Dort entdeckte ich ein grünes Kleid, das ich sofort anprobieren musste. Die Verkäuferin reichte mir passende hohe Schuhe dazu. Doch als ich meine ausgelatschten Sneakers auszog, passierte das Malheur: Mein großer Zeh spähte frech durch die schwarzen Kniestrümpfe. Ach, wie peinlich!“ rief ich aus. Die Verkäuferin aber lächelte nur und meinte gelassen: „Da schaut der Bischof aus dem Fenster.“
Wir brachen in schallendes Gelächter aus! Mit diesem charmanten Sprichwort hatte sie die Situation im Handumdrehen entschärft – ein wunderbares Beispiel dafür, wie Humor selbst die unangenehmsten Momente versüßen kann.
Sprichwörter sind wie kleine Schatzkisten voller Weisheit. Sie fassen jahrhundertelange Lebenserfahrung in wenigen Worten zusammen und bringen oft Wahrheiten auf den Punkt, die wir erst mit der Zeit wirklich begreifen. In jeder Kultur spielen Sprichwörter eine bedeutende Rolle, da sie helfen, komplexe Zusammenhänge auf anschauliche Weise zu vermitteln.
Besonders faszinieren mich einige amerikanische Sprichwörter, die sich nicht wortwörtlich übersetzen lassen. Mein Favorit: „It is not over until the fat lady sings.“ (was bedeutet, eine Situation ist noch nicht entschieden und stammt aus der Welt der Oper, insbesondere aus der Wagner-Oper Götterdämmerung, in der die einst voluminösen Sopranistin das große Finale singt. Erst wenn sie ihre letzte Arie beendet hat, ist die Oper wirklich vorbei). Oder auch: „Till the cows come home“, was so viel bedeutet wie „bis in alle Ewigkeit.“
Ich habe Sprichwörter schon immer geliebt. Und je älter ich werde und je mehr Lebenserfahrung ich sammle, desto tiefer erkenne ich ihren Wahrheitsgehalt. Besonders geprägt haben mich dabei meine Großmutter und meine drei Großtanten – wahre wandelnde Enzyklopädien der Sprichwörter! Ihre Redewendungen haben sich in mein Denken eingebrannt und sind schließlich auch in meine Bücher eingeflossen, wie etwa in den Titel meiner zweiten Biografie „Das mit der Liebe ist alles ein Schwindel“. Solche Sprüche bleiben nur lebendig, wenn sie weitergetragen werden.
Sprichwörter sind oft auch voller Humor. Ein herausragendes Beispiel dafür sind die legendären Sprüche der von Friedrich Torberg unvergesslich gemachten Tante Jolesch, die mit unglaublicher Bodenständigkeit und Scharfsinn begeistern – und bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben:
„Alles, was ein Mann schöner ist als ein Aff‘, ist ein Luxus.“
„Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist!“
„Man muss sich nicht wundern – man muss sich nur auskennen.“
„Wenn’s helfen kann, schadet’s nichts.“
„Es gibt drei Arten von Menschen: die Gescheiten, die Dummen und die, die gescheit sein wollen.“
Manche Redensarten meiner Großtanten haben für mich einen besonders hohen Wahrheitsgehalt besessen. Das beste Beispiel dafür ist wohl: Willst du was gelten, so mache dich selten“. Diese Worte haben mir in so manchen jugendlichen Beziehungskrisen mehr geholfen als alles andere. Sie haben mir gezeigt, dass ständige Verfügbarkeit oft weniger geschätzt wird und dass es gesünder ist, nicht über Dinge zu grübeln, die man ohnehin nicht ändern kann, Zurückziehen ist da viel besser.
Sprichwörter enthalten oft tiefe Einsichten, die uns durch das Leben leiten. Und manchmal, wie bei der Geschichte im Wiener Kleidergeschäft, sorgen sie einfach für einen unvergesslichen Lacher.
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